Romeo und Julia im Schauspielhaus

Weniger ist mehr…?

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19.01.2009
Romeo und Julia, das ist wohl das bekannteste Liebespaar der Weltliteratur. „Romeo und Julia“ – damit verbindet jeder und jede Romantik und große Gefühle, doch zugleich auch Tod und Tragik. Spätestens seit der Hollywood-Verfilmung mit Leonardo DiCaprio und Claire Danes steht dieses Paar für unsagbar große Gefühle, Leidenschaft, grenzenlosen familiären Hass und das tragische Ende schlechthin. Ein Stück zum Weinen und zum Träumen. Annette Pullen inszeniert dieses bekannte Stück nun auf eine ungewohnte, auf eine ganz andere Art und Weise. Sie verringert dir Zahl der Akteure auf der Bühne und erweitert die geläufige Interpretation des Stückes um mehrere Handlungsstränge bzw. betont gewisse persönliche Beziehungen oder aber Verhaltensweisen mehr, als man erwarten würde.
Natürlich sterben auch bei ihr Romeo und Julia am Ende. Und natürlich sind die beiden auch bei ihr ein Liebespaar. Und doch setzt Pullen andere Akzente.
Zunächst wird dem Zuschauer bewusst, wie jung Julia (Theresa Henning) mit ihren nicht einmal 14 Jahren wirklich gewesen sein muss und welch ein Schürzenjäger-Dasein Romeo (Camill Jammal) vor ihrer Begegnung geführt hat. Die kindliche Naivität der beiden Hauptfiguren illustrieren Jammal und Henning sehr glaubwürdig.
Doch auch andere Schauspieler verdienen Lob für ihr Spiel auf der Bühne. Besonders sticht Iris Albrecht hervor, die die Amme der Julia spielt. Sie ist eine Frau mit Widersprüchen. Auf der einen Seite ist sie, ganz ohne Frage, die liebevolle und besorgte Amme, die ihr Julchen über alles liebt und sie umsorgt. Andererseits flirtet sie auch, spielt mit ihren Reizen, möchte ihren „Marktwert“ noch einmal herausfinden, z.B. bei Tybalt, dem Neffen der Capulets. Jochen Gehle zeigt uns einen Tybalt, der vom Hass auf den feindlichen Montague-Clan beherrscht ist. Nahezu psychopatisch schreitet er die Bühne entlang – mit einem Blick, der einem das Blut in den Adern erfrieren lässt. Das Bühnenbild, auch das sei noch erwähnt, besteht aus einem schlichten großen Holzklotz. Um ihn herum, auf ihm und an seinen Kanten spielt die ganze Tragödie in all ihren Facetten. Und facettenreich, das ist diese Interpretation wirklich. Beim Fest der Capulets, auf dem Julia und Romeo einander kennenlernen, trägt Uwe Fischer in der Rolle des Vaters der Julia einen goldenen Anzug – samt Stöckelschuhen. Der Graf Paris, gespielt von Eddie Irle, tanzt in glitzernden Hotpants mit Julia und ihre Mutter (Susanne Krassa) erinnert den Zuschauer irgendwie an eine Mischung aus Nina Hagen und Tatjana Gsell.
Erwähnung muss noch die Sprache der Inszenierung finden: Sie fällt auf, ist besonders ungewohnt und bereitet dem einen oder anderen Zuschauer sicherlich ein unbehagliches Gefühl. Shakespeare, das klingt schon so nach purer Poesie. So als wäre jedes Wort ein kleines Gedicht. Und in der Inszenierung von Annette Pullen? Dort gehören Worte wie „ficken“, „Schwuchtel“, „Tunten“ und schlimmeres zum Repertoire insbesondere der Montagues. Auch dies mag nah am Original-Shakespeare sein. Doch will dieses Vokabular einfach nicht recht zu „Romeo und Julia“ passen. Es wirkt fehl am Platz, zumindest theoretisch. Theoretisch? Ja, denn in Pullens Stück sind Romeo und seine Julia nicht das Liebespaar, das man erwartet, das man erhofft und das man gewohnt ist. Romeo und Julia, das sind bei Annette Pullen zwei Kinder. Unsterblich ineinander verliebt?

Fotos: H. – L. Böhme
Wer weiß. Hollywood kann Gefühle vielleicht doch besser darstellen. Jedenfalls degradiert Annette Pullen das Stück auf die – sicherlich – wesentlichen Inhalte. Doch gelingt es dem sonst durchweg professionell spielenden Ensemble auf der Bühne gerade deswegen nicht, das darzustellen, was „Romeo und Julia“ für Viele ausmacht. Es ist ein Stück, das von der einen großen Liebe im Leben handelt. Von der Liebe, die einem nur einmal im Leben begegnet. Nur deswegen kann man auch getrost gemeinsam in den Tod gehen. Weil man eben weiß, dass es dieses Gefühl der Zuneigung, der gegenseitigen Vervollkommnung und des wechselseitigen Bedürfnisses nach einander nur einmal im Leben gibt. Weil ein Leben ohne den geliebten Menschen wert- und sinnlos erscheint. Weil der geliebte Mensch das Leben ist. Dafür steht William Shakespeares „Romeo und Julia“ – zumindest für die Mehrzahl der Leser und Zuschauer.
Wer sich nun nicht davor fürchtet, eine ungewohnte und in gewisser Hinsicht desillusionierende Interpretation zu schauen, dem kann man einen Besuch im Magdeburger Schauspielhaus getrost empfehlen. Genauso gut jenen, denen das übliche Verständnis von besagtem Liebespaar aus Verona zu kitschig ist oder aber die einfach mal den Blick über den Tellerrand hinaus wagen wollen.
„Und so im Kusse sterb ich“, das sind auch in der Inszenierung von Annette Pullen die letzten Worte Romeos. Klassisch. Wie zumindest, und das tröstet dann doch den Einen oder Anderen, gut die Hälfte der Dialoge in gewohnter Shakespeare-Manier daherkommt.

Weiterführende Links

www.theater-magdeburg.de


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