Ritchie Barton über Wendezeit, Wiedervereinigung und Magdeburg

„Silly ist damals ein Geniestreich gelungen“

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03.10.2010
Autor: Tho mas
Heute jährt sich zum zwanzigsten Mal der finale und höchste Akt deutsch-deutscher Geschichte: Am 3. Oktober trat die DDR der Bundesrepublik Deutschland bei und vollendete somit nach über vier Jahrzehnten der Teilung die Deutsche Wiedervereinigung. Es war ein historisches Ereignis, das bis heute seine Strahlkraft in aller Welt entfaltet.
Bei urbanite haben wir das Jubiläum zum Thema des aktuellen Heftes gemacht. Leider erst nach Redaktionsschluss kam allerdings ein Interview zum Thema mit Rüdiger „Ritchie“ Barton, dem dienstältestes Mitglied der Band Silly, zustande, nachdem uns Barton zuvor und gemeinsam mit Neukollegin Anna Loos bereits schon Auskunft zum aktuellen (Comeback-)Album „Alles Rot“ und zur Teilnahme am Bundesvision Song Contest gegeben hatte (siehe Heft), wo die Gruppe am Freitag einen sensationellen 2. Platz belegte.
Nun blickt er mit uns auf eine Zeit zurück, in der Silly – damals noch mit den mittlerweile verstorbenen Tamara Danz und Herbert Junck – nicht nur auf dem 1988er-Album „Februar“ die Zensur überlisteten und die kommenden Umbrüche musikalisch vorwegnahmen, sondern auch selbst politisch aktiv wurden, bevor sich Land und Kulturlandschaft in vielerlei Hinsicht veränderten.

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Hallo Ritchie, zunächst einmal: Vielen Dank, dass Du dir die Zeit für ein weiteres Interview nimmst. Am 3. Oktober jährt sich die Wiedervereinigung zum 20. Mal, bei urbanite haben wir das Jubiläum zum Thema der kommenden Ausgabe gemacht. Was waren deine Gedanken und Gefühle am 3.10.1990?

Ritchie:

Also ich habe da keine so konkreten Erinnerungen an meine Gefühle, weiß aber noch, dass das Thema Deutsche Einheit damals noch von allerhand Problemen überschattet wurde. Man darf nicht vergessen, dass das gesamte Veranstaltungswesen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR vollständig zusammengebrochen war und wir zwar eine große Kraft nach vorn in uns fühlten, aber auch noch nicht so richtig wussten wie. Sicherlich waren die Gefühle zu dem Zeitpunkt in erster Linie von Ambivalenz geprägt; Unsicherheit und trotzdem ein gesunder Optimismus. In der Rückschau muss ich natürlich sagen, es war ein wirklich großer Tag von dem ich nie gedacht hätte, dass er für mein Leben noch vorgesehen ist. Trotz aller vorhandenen Probleme ist alles, so wie es gekommen ist, gut so.

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Tamara Danz war in den Monaten zuvor an sogenannten Runden Tischen beteiligt, 1989 unterschrieben und verlasen Silly (verbotenerweise) die "Resolution der Rockmusiker und Liedermacher" auf den Konzerten, zu deren Iniatorinnen Tamara gehörte. Welche politische Beteiligung hast du ihn dieser Zeit übernommen?

Ritchie:

Nun ja, ich war einer der ca. 50 Künstler, wenn man so will auch Initiatoren, welche sich Ende Juli/ Anfang August ´89 trafen, um sich auf diesen Text zu verständigen. Einer der Erstunterzeichner war eben auch ich. Alles was Tamara in der Folgezeit von der Bühne herunter in diesem Zusammenhang agierte und sagte ist natürlich nicht losgelöst von uns als Band, somit auch mir, zu betrachten. Wir haben das natürlich immer auch vorher besprochen und mit getragen. Das war im Wesentlichen unser gemeinsamer politischer Beitrag zu den Vorgängen in dieser Zeit. Runde Tische und Ähnliches gab es dann eigentlich erst richtig nach der Wende.

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Ihr habt Euch 1988 nicht nur mit Eurem Texter Werner Karma überworfen, sondern auch das Album "Februar" in Neukölln, West-Berlin, aufgenommen. Es heißt durch die Ost-West-Kollaboration Eurer damaligen Labels Amiga und Ariola entgingen die Stücke mit Ausnahme von „Ein Gespenst geht um“ komplett der Zensur, „Februar“ wurde für viele zu einem „Wende-Soundtrack“. Inwiefern konntet Ihr damals überhaupt die Entwicklungen des Herbst 1989 vorausahnen?

Ritchie:

Auch der Song „Ein Gespenst geht um“ entging komplett der Zensur. Wir waren zu diesem Zeitpunkt schon im West-Berliner „Preussen-Tonstudio“ zugange, aber durch die Trennung von Werner Karma mussten plötzlich fast alle Texte neu geschrieben werden. Tamara hat Tag und Nacht mit „Gundi“ Gundermann in ihrer Wohnung in Ost-Berlin an den Texten gesessen und wir haben die Stücke eingespielt. Fertige Texte sind dann, ohne dass irgendjemand oder -etwas dazwischen geschaltet war, eingesungen worden. Die Amiga-Leute haben zwar versucht, da nachträglich reinzugrätschen, aber das ist ihnen natürlich nicht gelungen, da sie keinen wirklichen Zugriff auf uns hatten. Bei Ariola im Westen wäre das Album auf jeden Fall rausgekommen. `Ne richtige Zwickmühle für die.
Später, kurz nach Veröffentlichung des Albums, haben die Kulturfunktionäre dann noch versucht das Album mit einer einstweiligen Verfügung aus den Läden zu bekommen, in dem sie die Mitropa (Anm.d.R.: Die Mitropa AG und heutige GmbH war eine Bewirtungsgesellschaft in der Schlaf- und Speisewagen der Deutschen Reichsbahn in der DDR) vorgeschickt haben, um gegen uns zu klagen. Wegen Verunglimpfung ihres Namens in dem Song „Ein Gespenst geht um“. Das ist nach ca. zwei Wochen abgeschmettert worden.
Irgendwie ist uns da ein Geniestreich gelungen, wenngleich er nicht geplant war. Natürlich konnten wir den Herbst des Jahres `89 nicht vorausahnen, aber vor dem Hintergrund der Stimmung im Land und der Tatsache, dass wir durch die speziellen Umstände nicht mehr irgendeiner Zensur unterlegen waren, konnten natürlich solche Texte entstehen.


Foto: Olaf Heine 2009

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Nach der Wiedervereinigung wurden plötzlich viele Eurer deutschen Konzerte abgesagt, während ihr weiterhin in den USA und anderen Ländern auf Tour wart. Gleichzeitig waren Amiga-Platten plötzlich nicht mehr gefragt. Hattest Du damals Angst, dass ihre Eure musikalische Heimat verlieren könntet?

Ritchie:

Die Ängste und Unsicherheiten aus dieser Zeit habe ich ja vorhin schon angerissen und beschrieben. Aber wir haben als Band immer ziemlich eng zusammengestanden, besonders wenn die Luft dünner war. Und da wir natürlich auch an uns geglaubt haben, haben solche Ängste nie wirklich Raum bekommen.

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Noch 1990 begannen Uwe Hassbecker und Du andere Künstler wie Gundermann & Seilschaft zu produzieren. Welchen persönlichen Stellenwert hatte die neue Aufgabe damals für Euch?

Ritchie:

Zunächst mal war das ein Dankeschön an Gundi, für seine spontane Hilfe bei den Texten zum Album „Februar“. Er hatte ja zu dem Zeitpunkt noch keine eigene Band und so haben wir nicht nur im klassischen Sinne produziert, sondern auch das ganze Album „Einsame Spitze“ eingespielt. Aber wir haben während dessen auch schnell bemerkt, dass uns das Produzieren anderer Künstler durchaus liegt und auch reizt und so hat sich dann schon fast automatisch daraus ein neues Betätigungsfeld ergeben. Selbst der spätere Aufbau unseres gemeinsamen „DANZMUSIK Studios“ hat darin seine Ursache, denke ich.

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Wenn Du heute durch die Berliner Mitte, den Prenzlauerberg oder auch deine alte Magdeburg gehst: Wie sehr hat sich alles für Dich verändert?

Ritchie:

Zum Teil schon sehr extrem. Das sehe ich vor allem immer dann ganz deutlich, wenn mal eine Doku, oder auch ein Spielfilm, über das alte Ostberlin oder andere DDR-Städte gezeigt wird. Blankes Entsetzen! Die normale Erinnerung per Kopfkino zeigt mir meistens eine geschönte Variante der damaligen Wirklichkeit. Wenn man wie ich lange nicht in der City von Magdeburg unterwegs war, kann man sich schon mal verlaufen, da sich wirklich ganze Perspektiven verändert haben. Nun muss einem ja nicht alles gefallen, was gemacht wurde, aber so was wie das Hundertwasserhaus z.B. gefällt mir persönlich außerordentlich gut. Da würde ich gern drin wohnen.

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Zum Abschluss: Euer Konzert in Magdeburg am 25. November, das bereits euer zweites in dieser Stadt und in diesem Jahr sein wird, ist bereits im Anfang Juni - und somit schon zwei Wochen vor dem Tag des verschobenen, ersten Konzerts – ausverkauft. Habt Ihr ein Geheimrezept für Euren Erfolg in unserer Stadt?

Ritchie:

Haben wir nicht, wüssten wir aber auch gern. Nein, aber mal im Ernst, es ist doch der absolute Wahnsinn das Magdeburg hier so abgeht. Keine Ahnung woran das genau liegt. Vielleicht ist es die Anerkennung dafür, dass wir trotz aller Schicksalsschläge so durch- und zusammengehalten haben, vielleicht die Neugier an dem, was wir heute so auf der Bühne treiben, vielleicht, dass wir den Mut zu einem neuen Album mit Anna gefunden haben und damit natürlich auch das Interesse am Album „Alles Rot“ live selbst? Wahrscheinlich ist es alles zusammen und noch ein bisschen mehr? Ich als alter Haldensleber, der seine ersten wichtigen musikalischen Schritte in Magdeburg gemacht hat, bin jedenfalls ziemlich stolz auf die Magdeburger.


Silly „Alles Rot“ ist bei Universal Music erschienen.


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