Liebe, Soul und künstlerische Visionen Interview: Joy Denalane

Sie ist eine echte Berlinerin. Sie ist die erste deutsche Sängerin, die auf dem legendären US-Label Motown veröffentlichte. Sie ist die Frau von Freundeskreis-Frontmann Max Herre. Und vor allem ist sie eine beeindruckende Soul-Musikerin. Mehr Worte braucht es nicht, um Joy Denalane ankündigen. Mit der Deluxe-Version ihres aktuellen Albums „Let Yourself Be Loved“ feiert sie Anfang September 2021 einen brandneuen Release, mit dem sie am 20. Februar 2022 das echte Motown-Feeling auf die Bühne des Leipziger Täubchenthals bringen wird. Wir haben schon jetzt mit der Ausnahmekünstlerin über Liebe, Soul und künstlerische Visionen gesprochen.

© Ulrike Rindermann
Der Name ist Programm bei diesem Bild von Joy Denalane.

Hallo, liebe Joy! Es ist ja recht früh (08:30 Uhr). Bist du ein Morgenmensch?

Ich bin schon ein Morgenmensch, ja. Und gerade bin ich in Griechenland bei herrlicher Morgensonne. 

Wow, das Mittelmeer! Wer liebt es nicht? Aber apropos Liebe: Lass uns direkt über deine aktuelle Platte sprechen. „Let Yourself Be Loved“ (2020) ist ein Album, auf dem du viele Ebenen zu lieben thematisierst: von romantischer Liebe bis zur familiären Geborgenheit. Würdest du sagen, dass es sich um ein Konzeptalbum handelt?

(Überlegt) Hmm, würde ich das sagen? Also insofern ja, als dass es einen Sound gibt, der sich durch die gesamte Platte zieht. Dass ich jetzt das Thema Liebe zu einem Konzept gemacht habe, bevor ich anfing zu schreiben, würde ich eigentlich nicht sagen. Das hat sich im Verlauf ergeben. Es ist ein Thema, dass mich auf verschiedene Art interessiert hat. Wie du schon sagtest: es geht um romantische Liebe, um Freundschaft, usw. Das Thema Liebe war für mich zu dem Zeitpunkt scheinbar sehr dringlich, aber das war mir nicht so bewusst. Erst als alle Songs nebeneinander lagen fiel mir auf, wie häufig das Thema Liebe allein in den Songtiteln vorkommt.

Eben hast du die „Dringlichkeit des Themas“ angesprochen. Inwiefern ist die Liebe für dich eine Inspirationsquelle im Alltag?

Das spüre ich viel, würde ich sagen. Die Liebe ist irgendwo Teil meines ganzen Daseins. Sie zieht sich als Inspirationsquelle von meiner Arbeit bis zu meinem privaten Alltag. Ich kann ganz bestimmt sagen, dass ich mit sehr viel Liebe groß geworden bin und sie ist auch ein Motor für eine gewisse Selbstliebe. Nicht im hedonistischen Sinne, sondern im Sinne von Selbstakzeptanz. Das ist an der Stelle vielleicht der bessere Begriff. Davon habe ich durch meine Eltern und Geschwister viel bekommen und sicherlich auch durch die Freiheit, die uns geboten wurde. Wir haben einen großen Vertrauensvorschuss von meinen Eltern erhalten. Für mich manchmal unerklärlich, aber die haben wohl gedacht, wir machen das schon. (Lacht)

Unerklärlich, weil ihr euch so oft danebenbenommen habt?

Ja, weil wir natürlich auch Quatsch gemacht haben. Die sind da aber relativ ruhig geblieben. Oder es lag daran, dass sie so viele Kinder hatten. Irgendwie muss man sich dann damit arrangieren, dass die Kinder sich auch in Eigenverantwortung gegenseitig ein bisschen mit erziehen. Wir selbst haben „nur“ zwei Kinder. Meine Eltern hatten sechs. Es war gefühlt immer ein Baby da. Da guckt man vielleicht auch ein bisschen weniger genau hin, weil man die Zeit nicht hat. Meine Eltern waren auch immer beide berufstätig.

Motown-Sound

Die Songs auf „Let Yourself Be Loved“ sind im klassischen US-Soul-Stil der 1960er und 70er Jahre gehalten. Die Veröffentlichung bei Motown, dem renommierten US-Label für klassischen Soul, liegt entsprechend nahe. Kannst du ein bisschen darüber erzählen, wie das Songmaterial seinen Weg zum Label gefunden hat? 

Ich habe die Platte schon vor einigen Jahren in New York geschrieben. Der Schreibprozess ging mit drei Wochen relativ schnell. Da waren schon alle Lieder da und dann ging’s um die Produktion. Dort bin ich ein bisschen stecken geblieben. Ich hatte das Gefühl, ich konnte dem Produzenten nicht so genau vermitteln, was ich eigentlich will. Aus der Verzweiflung heraus habe ich ein anderes Album angefangen: „Gleisdreieck“, das 2017 erschienen ist. Nachdem die Kampagne um „Gleisdreieck“ beendet war, habe ich mich nochmal ran gewagt. Diesmal aber mit einem Produzenten, mit dem ich total eng war und nach wie vor bin: Roberto Di Giogia. Er lebt auch nicht so weit weg – in München – und wir haben nicht die Problematik mit der Zeitverschiebung. Das gestaltete sich als brillante Lösung. Ich glaube, dass der Bass Sound die Grundlage für die Platte sind. Ich bin dann mit dem Material zu meiner Plattenfirma und alle waren sehr begeistert. Aber eins habe ich nicht kommen sehen: einer hat die Platte mit nach Amerika genommen und bei Motown vorgestellt. Die waren auch begeistert — ich glaube, weil sie etwas darin gehört haben, das zum Teil zu ihrer DNA gehört, das sie in der Form aber auf dem eigenen Label noch nicht vertreten hatten.

Das heißt, es gab eigentlich gar keinen richtigen Vorsatz, den klassischen Motown-Sound wiederzubeleben?

Das schon. Es gab schon das Bestreben, eine Soul-Platte zu machen, aber eben nicht, das Signing zu bekommen. Ich bin aus allen Wolken gefallen, als sie sagten, dass sie das unbedingt machen wollen. Hat mich wahnsinnig gefreut!

Spürst du eine Veränderung in deinem Berufsalltag – jetzt, wo sich dir der amerikanische Musikmarkt erschlossen hat?

Ja, ich spüre es schon in gewisser Weise; durch meine Interviews zum Beispiel oder Verlinkungen in Playlisten, die auch gar nicht unwichtig sind. Mit meiner neuen Single bin ich in der Billboard-Playlist. Da ist total toll! Aber ich muss auch gestehen – und ich glaube, da geht es meinen Kolleg:innen weltweit so – dass wir in den letzten anderthalb Jahren kaum die Möglichkeit hatten, zu reisen. Deshalb weiß ich gar nicht, wie es sich jetzt anfühlen würde, z. B. in New York oder L.A. auf der Bühne zu stehen.

© Ulrike Rindermann

Am 20. Februar 2022 führt dein Tourplan zu uns nach Leipzig ins Täubchenthal. Hast du eine besondere Erinnerung an Leipzig?

Ich find’s einfach sehr schön! (Lacht) Leipzig kommt mir wahnsinnig jung und engagiert vor. Ich war schon oft da. Generell reise ich ja recht viel durch Deutschland. Meistens dippe ich da leider immer nur rein und raus, sodass ich kaum Zeit finde, mir etwas anzuschauen, das nichts mit der Arbeit zu tun hat. Das ist ein bisschen schade. Was ich aber mit Leipzig verbinde, ist die Kunstszene. Ihr habt ja eine wahnsinnige Kunsthochschule. Neo Rauch ist doch in Leipzig, oder?

Visualisierung

Ja, die Leipziger Schule… Wo wir schon bei Kunst sind: du arbeitest für die Deluxe-Version von „Let Yourself Be Loved“ mit der Illustratorin Diana Ejatia zusammen, stimmt’s?

Genau! Für die Deluxe-Version habe ich überlegt, was eine Brücke zum Original-Artwork von „Let Yourself Be Loved“ baut und trotzdem einen Twist reinbringt. Da war Illustration ohnehin gleich interessant. Nicht Malerei, sondern Illustration, die die Möglichkeit bietet, Dinge schnell zu verändern. Ich bin Fan vom US-amerikanischen Magazin „The New Yorker“ und darin gibt es immer tolle Illustrationen. Dort bin ich auf ein Artwork gestoßen, das mich angesprochen hat und zufälligerweise von ihr stammte. Ich dachte: „Mit so jemanden würde ich gern mal zusammenarbeiten“, aber gleichzeitig: „Die ist so weit entfernt; die kann man nicht kriegen. Das muss ich gar nicht erst probieren.“ Dann rief mich witziger Weise einige Wochen später mein Grafiker mit einem Link an und sagte: „Guck dir mal diese Künstlerin an. Kannst du dir vorstellen, mit der was zu machen?“ Und dann war es genau die! Und sie lebt zufällig in Berlin!

Und das unabhängig voneinander? Das gibt’s ja nicht! Du konntest aber damals nirgendwo herleiten, dass sie in Berlin wohnt?

Nein, wirklich nicht! Ich dachte echt, die sei unerreichbar. Die ist im New Yorker. Wenn du dort bist, bist du im Olymp angekommen. Deswegen dachte ich, dass ich mir das nie leisten könnte. Diana hat einen italienischen Elternteil und ist dann nach Berlin gezogen. Sie arbeitet ortsunabhängig. Mit ihrer Qualität hat sie’s geschafft, viele Bücher und eben den New Yorker zu illustrieren. Ich habe schließlich ihre Kontaktdaten rausgefunden und dann ging alles ganz schnell. Sie fand das Projekt toll, ihr gefiel die Musik und sie konnte sich damit identifizieren. Match made in heaven! 

Das neue Deluxe-Album „Let Yourself Be Loved“ ist seit 03.09.2021 im Handel. Am 20.02.2022 ist Joy mit einem Konzert im Täubchenthal. Mehr Infos zum Konzert bekommt ihr unter www.taeubchenthal.com

Alle Infos zu Joy Denalane und ihrem neuen Album gibt es unter www.joydenalane.com und auf Instagram: @joydenalane