BOOMbastisch Neue Immersion „Boomtown“ im Kunstkraftwerk Leipzig

Noch ist die große Maschinenhalle des Kunstkraftwerks Leipzig in ein tiefes Dunkel gehüllt, doch gleich werden wir von vielen schwarz-weißen Gesichtern beobachtet – es sind die Gesichter der Menschen, die im Mittelpunkt der stadthistorischen Entwicklung Leipzigs stehen. Die neue, eigens produzierte Immersion „Boomtown“ vom und im Kunstkraftwerk (KKW) nimmt den Zuschauer mit auf eine virtuelle Reise in die Vergangenheit zwischen 1840 und 1989. 24 Minuten lang spaziert der Besucher durch ein Jahrhundert des industriellen Wandels im Leipziger Westen. Das KKW leistet damit seinen Beitrag zum Jahr der Industriekultur 2020 in Sachsen.

© Andreas Schmidt

Leipzigs Stadtgeschichte trifft auf digitale Kunst – die brandneue immersive Videoshow “Boomtown” ergründet ein bis dato wenig erforschtes Thema und wird bei dem ein oder anderen Besucher für Aha-Momente sorgen. Wer mit offenen Augen in Leipzig und besonders im Leipziger Westen unterwegs ist, wird sich im Verlauf der Show an einigen bekannten Orten und Plätzen wiederfinden und staunen, wie sich diese im Laufe der Jahre verändert haben. Denn was vor über 150 Jahren begonnen hat – und immer noch anhält – hat das Leipziger Stadtbild nachhaltig geprägt: riesige Industriehallen mit ihren typischen Schornsteinen, ausgebaute Loftgebäude, der Karl-Heine-Kanal, das Mekka für Leipzigs Paddler – Leipzigs Westen ist heutzutage ein Zentrum der Kreativ- und Freizeitwirtschaft und versprüht je nach Ecke eine ganz eigene Kiezatmosphäre. Wir tauchen also ein in eine Welt, die uns so vertraut erscheint und deren Ursprünge es wert sind, ergründet zu werden.

Bilder von dir überdauern

© Andreas Schmidt / Yvette Gieseke
Um uns Zuschauer nicht nur mit einer schnöden Abfolge historischer Ereignisse zu bombardieren, bedienen sich die Macher von „Boomtown“ eines dramaturgischen Storytellings. Vier fiktive Charaktere erzählen uns nacheinander von ihren Erlebnissen und ihrem Empfinden während der einsetzenden Urbanisierung. So kommen zunächst eine Anwohnerin und ein Unternehmer zu Wort, die vom Tatendrang des Geschäftsmanns Dr. Karl Heine berichten. Dort, wo einst die kleinen Dörfer Lindenau, Plagwitz und Schleußig vor der alten Stadtmauer von einer idyllischen Landschaft umsäumt waren, initiierte er die Entwässerung und Regulierung der Flüsse Pleiße und Weiße Elster, um auch eine moderne Infrastruktur über die Wasserwege zu gewährleisten. Leipziger Unternehmen etablierten sich in dieser Zeit zu Weltmarktführern; Firmen wie Mey & Edlich (Begründer des deutschen Versand- und Katalogwesens) oder die Kammgarnspinnerei Stöhr & Co. erlebten einen Boom und trugen maßgeblich dazu bei, dass Leipzig zu einer Industrie- und Messestadt mit internationalem Prestige aufstieg.

© Yvette Gieseke
Diese Erinnerungsschnipsel werden visuell sehr harmonisch in den Verlauf der Geschichte eingewebt. Wir können in einem 360-Grad-Rundumblick digital animierte Foto- und Bildausschnitte aus originalen Unterlagen wie alte Kataloge, Werbeanzeigen oder historische Postkarten entdecken. Mehr als ein halbes Jahr verbrachte Doktorandin Anne Dietrich von der Universität Leipzig mit den Archivarbeiten im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, im Sächsischen Wirtschafts- und Staatsarchiv sowie im Leibnitz Institut für Länderkunde. Wenn riesige Zahnräder ineinandergreifen und alte Videomitschnitte mechanischer Webstühle, Produktionsmaschinen und Brennöfen an einem vorbei flimmern, bestätigt sich die eigene Vorahnung, dass die Macher dieser Show keine bessere Location zum Thema Industriekultur hätten wählen können.

Das Erinnerungsmosaik wird weiterhin durch die Erzählungen eines jungen Mannes aus der Arbeiterschicht zusammengesetzt, der über die körperlich anstrengende Tätigkeit in den Fabriken und die sozialen Umstände inmitten von Klassenkämpfen und politischer Unruhen vor dem Zweiten Weltkrieg berichtet. Während sich die riesigen Uhren an den Wänden weiterdrehen, wird die Nachkriegszeit und mit ihr ein Rückblick in die DDR eingeläutet. An dieser Stelle erzählt eine Kranführerin des VEB Kirow Leipzig über den sozialistisch geprägten Alltag. Zwischen Berufsausübung und Mutterrolle versinnbildlicht sie den emanzipatorischen Wandel in Ostdeutschland.

© Andreas Schmidt

Leipziger Klanglandschaften entdecken

150 Jahre Leipziger Industriegeschichte werden von der italienischen Immersionskünstlerin Ginevra Napoleoni sowie dem italienischen Komponisten Lorenzo Pagliei in die Gegenwart geholt. Laut Lorenzo Pagliei sollen der Sound und die Stimmen in einem Dialog zueinanderstehen, wobei sich die Musik und die wellenhaften Erinnerungen gegenseitig durchdringen. Für den Besucher kann diese Klangkulisse zunächst etwas verwirrend wirken. Vor allem die Stimmen der vier Charaktere hätten akustisch klarer und feingefeilter zum Vorschein kommen können. Das allgemeine Soundszenario überzeugt allerdings durch die wiederkehrenden Geräusche, die an den realen Leipziger Plätzen aufgenommen wurden. Mittels moderner Verräumlichungs-Techniken leiten uns Bach- sowie eigens komponierte Klavierelemente musikalisch durch das Erinnerungslabyrinth inmitten der riesigen Maschinenhalle. 

© Yvette Gieseke
Zum Schluss der Show finden wir uns in einer Art riesigem Fotoalbum wieder. Die Show beginnt und endet also mit zahlreichen Gesichtern, in die wir blicken – und genauso soll es sein, denn im Mittelpunkt von Leipzigs Industriegeschichte steht der Mensch.

„Boomtown“ wird jeweils um 10 Uhr sowie 17:50 Uhr in der Maschinenhalle des KKW gezeigt.

Weitere Informationen erhaltet ihr unter www.kunstkraftwerk-leipzig.com

Saalfelder Straße 8b | Do-So & an Feiertagen 10-18 Uhr

Tickets gibt’s vor Ort oder online.

Tagesticket 11 €, ermäßigt 8,50 €