„Klischees sind für mich immer auch ein Türöffner“ RebellComedy zu Gast in Leipzig: Khalid Bounouar im Interview

Ausländer raus! Aus dem Zoo – so plakativ kündigt sich die neue Show der Comedyrebellen an. Nach der erfolgreichen „Hoch Ansteckend“-Tour zum zehnjährigen Bühnenjubiläum räumt das achtköpfige Comedy-Ensemble jetzt mit den Klischees des Integrationstheaters auf. Wir plauderten mit Moderator und Multi(kulti)talent Khalid Bounouar über seinen Weg in die Comedy und den Ausbruch aus dem „Tanz, Äffchen!“-Spiel.

© Live Nation

Du wolltest ursprünglich mal Lehrer werden, bist jetzt aber Comedian. Wo siehst du Parallelen zwischen den beiden Berufen und warum ist es jetzt das geworden?

Als Comedian muss man nicht so viel studieren.

Und nicht so früh aufstehen?

Doch, das schon. Also, es kommt drauf an, was für ein Comedian du bist (lacht). Gemeinsam haben die beiden Berufe, dass man vor mehreren Menschen steht und diese unterhalten muss. Und im Idealfall, dass du denen damit auch noch was beibringst. Das kann als Lehrer schiefgehen, das kann aber auch als Comedian schiefgehen.

Hat sich diese Laufbahn während deiner Schulzeit schon abgezeichnet? Warst du sowas wie der Klassenclown?

Ja, voll. Das steht auch in der Abschlusszeitung unter meinem Foto, das kann man sogar googeln (lacht). Ich bin auch während meiner Schulzeit schon aufgetreten, stehe seit der 2. Klasse auf der Bühne. Ich habe alles Mögliche gemacht, getanzt, an Poetry Slams teilgenommen, Musik gemacht, Theater gespielt. Comedy war quasi die letzte Kunst, die dann noch dazu gekommen ist. Dass ich mich für den Comedian entschieden habe, lag aber einfach daran: ich war noch kein Lehrer. Ich war noch mitten im Studium. Als Comedian war ich da schon einen Schritt weiter und habe irgendwann gesagt: Nee, ich will jetzt nur noch das machen und hab das Studium auf Eis gelegt. Weil ich halt irgendwo auch wusste: Das ist es jetzt, genau das will ich machen. Kann aber durchaus auch sein, dass ich in ein paar Jahren das Studium wieder aufnehme. Das würde ja gehen, wenn ich das möchte. Aber ich unterrichte ja auch jetzt schon an Schulen.

Was denn?

Überwiegend Poesie und Lyrik.

Darauf würde man jetzt auch nicht unbedingt kommen, ist aber naheliegend, wenn man weiß, dass du früher auch lange als Poetry Slammer auf der Bühne gestanden bist. Aus der Szene sind durchaus ja auch einige Talente hervorgegangen, die heute mit Comedy oder Kabarett sehr erfolgreich sind. Wie siehst du das Format rückblickend?

Es gibt sehr starke Slampoeten. Der Grund, warum ich mit Poetry Slam aufgehört habe, ist, dass mir das alles zu lustig war. 

„Als Comedian kann ich lustig sein, als Poet kann ich das irgendwie gar nicht“

Ist das nicht ein bisschen paradox?

© RebellComedy
Nee, gar nicht. Das merkt man heute ja auch noch: die Texte sind oftmals viel zu sehr auf Comedy ausgerichtet. Meine Texte sind todernst. Ich kann einfach kein Gedicht schreiben, das lustig ist. Als Comedian kann ich lustig sein, als Poet kann ich das irgendwie gar nicht. Da drücke ich mich auch ganz anders aus, das ist ein ganz anderes Medium. Das hat mich dann irgendwann auch genervt an dem Format. Ich hab da immer sehr drauf geachtet, was ich sage, wie ich das sage, wie das geschrieben ist. Und dann kommt ein anderer Typ – true Story übrigens – und redet darüber, wie er nach dem Counter-Strike-Zocken masturbiert und zu Hause in seiner Boxershorts hängt – und gewinnt den Slam. Das ist natürlich unterhaltsam, aber da kann ich auch ins Moulin Rouge gehen und mir ‘ne Burlesque-Show anschauen. Das ist dann immer noch kein Cirque du Soleil.

Es ist ja auch viel schwieriger, wirklich lustig zu sein. Wieso klappt das als Comedian besser?

Das ist einfach die Bühne, die genau dafür gedacht ist. Da geht es um nichts anderes,als lustig zu sein. Deswegen hab ich da an der Stelle dann auch kein Problem mit. Bei Musik ist das wieder was anderes, da kann ich einen lustigen Text schreiben oder auch einen total traurigen. Auf einer Poetry-Slam-Bühne oder wenn ich ein Gedicht schreibe, geht es mir nicht darum, dass ich jemanden unterhalte oder zum Lachen bringe, sondern ich möchte, dass man versteht, was ich gerade fühle oder denke. Kann aber auch daran liegen, dass die Vorbilder, die ich mir genommen habe, allesamt keine lustigen Texte gemacht haben. Goethe oder so war ja auch niemals wirklich lustig.

Du hast ja auch einen merklichen Anspruch, trotz allen Lachens eine Message zu vermitteln, die ernsthaft ist. Passiert das in der Comedy zu wenig?

Nein, ich glaube das haben mittlerweile schon viele verinnerlicht. Das dauert auch einen Moment, bis das bei einem selber so ankommt. Als ich mit Comedy angefangen habe, war ich so 22/23, und da habe ich zwar versucht, Themen einzubauen, die tiefer sind oder etwas mehr Substanz haben – Aber am Ende fühlte sich das immer ein bisschen an, als würde ich von oben herab mit den Leuten reden. Mit 22 und einem nicht abgeschlossenen Studium fühlte sich das für mich irgendwie falsch an. Ein Abitur gibt mir ja nicht die Berechtigung, anderen was beizubringen. Und bei RebellComedy haben wir da andere, die zehn Jahre älter sind als ich und da viel mehr zu sagen haben. Deswegen habe ich das bewusst sein gelassen und erst so seit einem Jahr fühle ich mich in der Position, gewisse Dinge auch klar zu benennen und zu platzieren. 

„Mein Maßstab ist immer: meine Mutter guckt das“

Wo hört bei dir der Spaß auf? Gibt es irgendwas, das du nie auf einer Bühne sagen würdest?

Mein Maßstab ist immer: meine Mutter guckt das. (lacht) Alles wo ich weiß, da würde ich Ärger von ihr bekommen, das lass ich lieber. Ich achte natürlich drauf, dass ich niemanden verletze. Aber jeder Mensch ist auch einfach anders sensibel. Der eine fühlt sich verletzt, wenn ich sage: in Madagaskar gibt es langsames Internet. Ein anderer ist erst verletzt, wenn ich über seine madagassische Mutter rede. Sich daran zu orientieren, ist sehr schwierig.

Bei RebellComedy spielt ihr mit Kulturen, mit Migrationshintergründen und natürlich mit Klischees. Inwieweit ist genau das wichtig und wo ist ein Klischee vielleicht auch mal überstrapaziert?

Als Comedian braucht man ein sehr starkes Empathiebewusstsein. In dem Moment, wo du merkst, dass etwas schon irrsinnig ausgelutscht ist und immer das gleiche Thema durchgeritten wird, ohne mal eine andere Perspektive einzunehmen, dann solltest du das dringend hinterfragen. Ansonsten sind Klischees für mich auch immer ein Türöffner. Wenn mich jemand nicht kennt, der keine Ahnung hat, was passiert, dann kann ich den genau da hinführen, wo ich ihn haben will. Indem er erst sein Klischee präsentiert kriegt, ich das aber auch gleich wieder zerstöre.

Kommen überhaupt Leute in eure Shows, wo das noch notwendig ist?
Zumindest kommen immer wieder Leute, von denen man nicht unbedingt denken würde, dass die in unsere Shows kommen. Einmal hat ein älteres Ehepaar nach einem Foto gefragt und da musste ich dann schon mal nachhaken, wie die nun an uns geraten sind. Die haben dann erzählt, dass die beide in einem Altersheim arbeiten und da immer mit den Bewohnern unsere Show anschauen. Da wär ich nun überhaupt nicht drauf gekommen, aber es scheint ja zu funktionieren (lacht).

Was ist denn an RebellComedy rebellisch? Kann man heute überhaupt noch ein Rebell auf der Bühne sein?

Man kann immer rebellieren. Wir tun das, indem wir uns herausnehmen, eben nicht jedes Klischee zu bedienen. Und auch rein vom Format her, ein Comedy-Ensemble, wie wir es sind, gibt es so auch nicht. Allein das ist schon eine Revolution in der Comedy. Oder dass wir bei der letzten Tour zum Beispiel Tänzer, wie die Flying Steps, dabei hatten. Oder Lichteffekte in eine Show in der Arena gebracht haben, wie das noch nie jemand gemacht hat. Wenn wir von den Comedians selber ausgehen, dann macht das jeder als Solokünstler auf seine eigene Art und auch noch mal anders.  

„Klischees sind für mich immer auch ein Türöffner“

Was erwartet uns denn bei der kommenden Show? „Ausländer raus – aus dem Zoo“ ist ja schon sehr plakativ.

Es gibt schon immer Comedians, die sich Klischees zu sehr bedienen, einfach um denen zu gefallen, die Vorurteile haben. Für uns ist das der Repräsentant einer Gattung, die sich zum Affen macht. Und die, die darüber dann lachen, sind nicht seine Leute, sondern die anderen. Genau die, die über diese Nation lachen wollen. Er ist der Affe. Und genau dieses „Tanz Äffchen“- Spiel, wo es darum geht, die eigene Nationalität immer noch blöder darzustellen, spielen wir nicht mehr mit. Da brechen wir aus. 

Ihr macht im Rahmen der Tour auch in Leipzig Station. Warst du schon mal da?

(lacht und bietet „Leipzig“ in verschiedenen Dialekten dar). Was ich mit Leipzsch zu tun habe? (kriegt sich nicht mehr ein). Habe ich einen Bezug dazu? Nein, keinen besonderen. Ich finde die Stadt wahnsinnig schön. Ich kann dir aber sagen, dass das, was ich über Leipzig gehört habe, bevor ich das erste Mal da war, nicht dem entspricht wie es ist. Leipzig ist viel schöner und viel offener, als vor allem im Westen erzählt wird. Ich hatte Vorurteile. Muss ich ehrlich zugeben. Und Leute, die jetzt das Interview hier lesen, haben vielleicht auch welche. Wenn sie dann aber zur Show kommen, dann werden sie merken, dass das viel schöner und besser ist, als sie vermuten.

RebellComedy – Tour 2019: „Ausländer Raus! Aus dem Zoo“

07.04.2019, Haus Auensee | 19 Uhr

Karten ab ca. 36 €, „Krass weit vorne“ ca. 63 €, „Auch weit vorne“ ca. 60 €

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