Ein Blick ins kalte, deutsche Wohnzimmer Theaterrezension: „Widerstand“ am Schauspiel Leipzig

Das Schauspiel Leipzig feierte am 14. Mai die digitale Premiere von „Widerstand“ – ein Auftragswerk, geschrieben von Lukas Rietzschel, der 2018 mit seinem Debüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ viel Beachtung geschenkt bekam. Regisseur des Stücks ist Hausintendant Enrico Lübbe. Mit seinem Ensemble entwirft er ein bedrückend scharfes Bild eines Generationenkonflikts in einer Region, die noch immer als „neue Bundesländer“ bezeichnet wird. Wir haben uns ins digitale Theatererlebnis gestürzt und waren für euch am Laptop dabei.

© Schauspiel Leipzig

„Mutti schläfst du schon?“, ertönt eine Stimme. Es ist die Stimme von Isabell (gespielt von Teresa Schergaut). Sie ist zu Besuch bei den Eltern. Die ländliche Heimat hat sie schon lange hinter sich gelassen. Die Wunden der Nachwendezeit sind bei ihrer Familie und Schulfreunden von früher nicht verheilt, Stolz und Ehre noch immer gekränkt und die Verunsicherung groß. Sie fühlen sich abgehängt vom Staat, der Gesellschaft, dem Westen, den Menschen in der Stadt, von der eigenen Tochter, die nun in Leipzig wohnt.

  

„Saufen, Fremdgehen, sowas halt“

  

Das Stück handelt von Radikalisierung, die als Widerstand deklariert wird, aber auch von den persönlichen Widerständen innerhalb einer Familie. Der Plot ist kurz umrissen: Isabells Mutter ist schwer krank und tritt nur als Stimme in Erscheinung, der Vater (gespielt von Tilo Krügel) hat eine Affäre mit seiner Physiotherapeutin Peggy angefangen (gespielt von Annett Sawallisch). Abends trifft er sich mit seinen Kumpels zum Saufen in der Garage. Sie radikalisieren und bewaffnen sich und reden von „Widerstand“. Sie sind sich einig: „Wenn man jemanden erschießen müsste, dann den Staat“.

Die Handlung wird dabei weniger szenisch transportiert, sondern vor allem von den monotonen Gesprächen zwischen den Protagonist:innengetragen. In nervtötender Frequenz werden Fragen, Antworten und Floskeln wiederholt, ohne sich gegenseitig zuzuhören. Die Figuren schwadronieren in banalen Alltagssituationen vor sich hin, ob beim Hackfleischkneten in der Küche oder dem abendlichen Bier – und vermutlich tun sie dies schon ihr ganzes Leben genauso. Doch auch wenn den Dialogen der semantische Gehalt mitunter fehlt: Man muss nicht verstehen, was sie sagen, die Art und Weise, wie sie (miteinander) reden, transportiert die Message und die ist eindeutig: Es geht um das Gefühl des Abgehängtseins, um Frustration, Machtlosigkeit und politische Radikalisierung unter Menschen, die sich nicht viel zu sagen haben. Der Vater redet ständig vom Abschlussball, davon dass die Tochter Isabell Jahrgangsbeste war, als würden gegenwärtige Erlebnisse fehlen, als würde man ohnehin nicht viele Gemeinsamkeiten haben, außer den nostalgische Ver­klärungen der Vergangenheit und Oberflächlichkeiten, an die man sich klammert.

  

© Schauspiel Leipzig

„Ist der Mensch in der Stadt mehr wert?“

Die Häufigkeit der paraphrasierten Wiederholungen verleitet mitunter dazu, wegzuhören und abzuschalten, doch in genau dieser Monotonie liegt nichts weniger als die ganze Wahrheit über die Lebensrealität der dargestellten Personen, die auch ein gesellschaftliches Gefälle offenbart. Die Handlung selbst wird dadurch zum stilistischen Mittel, während das Stilmittel der Wiederholung zur Handlung wird. Was überspitzt wirkt, ist eigentlich eine Komprimierung. Ein Kunstgriff ist dabei, wie es dem Regisseur gelingt, die Protagonist:innen in knallige, pinke Kostüme zu stecken und sie dabei dennoch verblassen zu lassen. 

Widerstand ist nicht nur der Blick in das Innenleben einer längst zerbröckelten Familie, sondern der stellvertretende Blick in eine ganze Region mit all ihren Problemen, die Wiedervereinigung, Deindustriali­sier­ung, Arbeitslosigkeit und Abwanderung hervor­geruf­en haben. Es ist aber eben auch der erschreckend scharfe Blick ins kalte, deutsche Wohnzimmer.

 

© Schauspiel Leipzig

„Das Hätte ich nicht gedacht, dass der Basti sowas macht“

Der Frust der Männer im Stück mündet schließlich in politischer Radikalisierung, die bis zur Bewaffnung geht. Und wie das immer so ist: Es hatte natürlich niemand kommen sehen. Als Zuschauer wird man schnell dazu verleitet, hier den vermeintlichen Rand der Gesellschaft in seiner Unzufriedenheit dabei zu beobachten, wie er weiter abdriftet, doch hier den Blick ausschließlich auf die gesellschaftliche Peripherie zu richten ist heuchlerisch und wird der Realität nicht gerecht, weil es den Blick bloß auf „die anderen“ lenkt. Wenn das Stück eines auch zeigt, dann dass das, was dort vor sich geht, auch in der Mitte geschieht.

„Widerstand“ richtet den Blick auf die Risse in der Gesellschaft, indem die große Gesellschafts-Diagnose im Kleinen, im Privaten, ja im Privatesten, nämlich in der Familie und unter Freunden, stattfindet. Dadurch holt es alle Zuschauer:innen an ihren ganz individuellen Standpunkten ab. Darin liegt die große Stärke der Inszenierung, denn es macht betroffen. Nicht, oder nicht nur, weil es das beispielhafte Schicksal einer Generation symbolisiert und die vielschichtig verwobenen, haus­gemachten Missstände unserer Gesellschaft aufzeigt, sondern weil es den Finger auch in die eigenen familiären Wunden legt. Das Theaterstück erzählt allen dabei eine andere Geschichte: nämlich die eigene. Das wissen die am besten, die ebenfalls ihre elterliche Heimat verlassen haben.

  

Weitere Streaming-Termine im Juni: 

3.6. | 9.6. | 16.6. | 22.6. | jeweils 20 Uhr

Mehr Infos unter: schauspiel-leipzig.de