Überbelastung oder gutes Timing? Zwischen Wickeltisch und Audimax: Studieren mit Kind in Leipzig

Die Studentenzeit ist stressiger, als es ihr Ruf vermuten lässt. Vollzeitstudium, Nebenjob und vielleicht noch ein bisschen Sozialleben zu koordinieren, ist manchmal ein organisatorischer Drahtseilakt, für den zumindest gefühlt ein Managementstudium schon Sinn machen würde. Wer während der Mittagspause in der Mensa Eltern mit Kind sieht, fragt sich meist unwillkürlich: Wie machen die das bloß? urbanite wollte es genauer wissen und hat dazu mit einer Sozialberaterin des Center for Social Services des Studentenwerks sowie studierenden Müttern gesprochen.

Ob man selbst schon Kinder hat, scheint bei der Diskussion um das Thema Studium mit Kind meist eine untergeordnete Rolle zu spielen, denn eine Meinung dazu scheint jeder zu haben. Die einen prophezeien neben finanziellen Schwierigkeiten und sinkenden Leistungen im Studium einen Stresspegel, für den die passende Yoga-Pose noch erfunden werden muss, die anderen sehen im Kinderkriegen als Student viele Vorteile, von denen eine vergleichsweise freie Zeiteinteilung im Studium nur einer ist. Neben vielen anderen Bereichen gehört auch das Thema Studieren mit Kind zum Angebot der Sozialberatung des Studentenwerks. „Der Großteil der Beratungen dreht sich sogar um dieses Thema“ sagt Regina Engelhardt, Beraterin im Center for Social Services. „Entgegen der allgemeinen Tendenz, dass immer weniger Kinder geboren werden, scheint Leipzig zumindest gefühlt gegen den Strom zu schwimmen. Wir haben hier mit sehr vielen Studierenden zu tun, die bereits Kinder haben, schwanger sind, oder mit dem Gedanken spielen, während des Studiums ein Kind zu bekommen.“ In der Beratung gehe es vor allem darum, Wege aufzuzeigen und zu ermutigen. „Oft kommen werdende Mütter ganz früh in ihrer Schwangerschaft zu uns, haben manchmal ganz viele Fragen, manchmal gar keine, weil für sie noch sehr unklar ist, was auf sie zukommt. Unsere Aufgabe ist es dann, mögliche Probleme, vor allem finanzieller und organisatorischer Art, auf den Tisch zu legen und dann aufzuzeigen, welche Lösungswege es gibt. Viele sind dann sehr überrascht, dass sich Studium und Kind tatsächlich vereinen lassen. Genau dafür sind wir eben auch da. Zum Ermutigen und um zu sagen ‚Das ist zu schaffen!’“

„Mehr als nur eine Doppelbelastung“

Eine rosarote Brille trägt man dabei trotzdem nicht und möchte sie auch niemandem aufsetzen. „Ein Studium mit Kind ist immer mehr als nur eine Doppelbelastung. Studium, Kind, Haushalt, Bürokratie und Privatleben unter einen Hut zu bekommen, ist nicht ohne. Dazu kommen noch finanzielle Aspekte, die fast immer eine große Rolle spielen. Ein Studium mit Kind zu absolvieren, macht wahre Organisationskünstler aus den Eltern.“ Die Sozialberatung nehme zwar nicht den Gang zu den verschiedenen Anlaufstellen ab, jedoch könne aufgezeigt werden, an wen man sich mit welchem Anliegen wenden muss. „So kann man vermeiden, dass man Zeit bei der falschen Anlaufstelle vergeudet oder doppelte Wege geht. Oft können wir auch Möglichkeiten aufzeigen, die sonst nicht wahrgenommen worden wären. Dadurch, dass das Studentenwerk innerhalb Leipzigs stark vernetzt ist, haben wir direkten Kontakt zu vielen relevanten Stellen und können direkt auf diese verweisen.“ Neben den vielen Herausforderungen, die es für studierende Eltern zu überwinden gäbe, sei die Zeit während des Studiums trotzdem auch ein schöner Zeitpunkt, um ein Kind zu bekommen. Es warte kein Chef, der einen am liebsten möglichst schnell wieder am Arbeitsplatz sehen würde, und im Studium könne auf die besondere Situation oft Rücksicht genommen werden. „Nach der Geburt können problemlos Urlaubssemester genommen werden. Auch wenn das Kind später krank wird oder aus anderen Gründen besondere Aufmerksamkeit braucht, ist das möglich. Abgabefristen von Arbeiten können bei Krankheit des Kindes unter Absprache mit der Lehrperson meist verschoben werden“, erklärt Regina Engelhardt. In den Mensen des Studentenwerkes gäbe es für Kinder von Studierenden besondere Angebote und in den Leipziger Studentenwohnheimen stünden Familien- und Mutter-Kind-Zimmer zur Verfügung.

Durch die Kita-Not in Leipzig sei die Suche nach einem Platz meist eine der größten Herausforderungen. „Hier braucht man oft viel Ausdauer, bis es endlich klappt. Alle anderen Schwierigkeiten lassen sich mit einem guten Plan meist viel schneller lösen.“ Deshalb sind die Betreuungsangebote für die Kinder von Studierenden die wichtigste Unterstützung für studierende Eltern. So hat das Studentenwerk in seinem Center for Social Services am Gutenbergplatz, das im Sommer des vergangenen Jahres neu eröffnet wurde, eine Kita mit 135 Plätzen errichtet. Besonders wichtig für studierende Eltern sei der Kontakt zu anderen, die sich in derselben Situation befinden. „Die Kinderecke in der Mensa am Park ist dafür ein gern und oft genutzter Ort. Außerdem veranstalten wir dort jedes Semester ein Familienfrühstück, zu dem wir studierende Eltern und allein erziehende Studierende aller Leipziger Hochschulen einladen. Das nächste Familienfrühstück findet am 6. Juni statt und wir freuen uns wieder auf viele tolle Begegnungen.“ 

Ein optimistischer Umgang mit dem Thema Studium und Kind

In der Zappelkiste Leipzig, dem studentischen Eltern-Kind-Büro und Treffpunkt für studierende Eltern und ihre Kinder trafen wir Mütter, die Kind und Studium gleichzeitig meistern und gerne von ihren Erfahrungen berichteten. „Als ich kurz vor meiner Bachelorarbeit ungeplant schwanger wurde, war für mich klar, dass ich das Kind bekommen will“, berichtet eine der Mütter. Die Reaktionen von außen seien oft sorgenbehaftet gewesen. „Es wurden viele Bedenken geäußert, die ich selbst gar nicht so sehr hatte. Ein optimistischerer Umgang mit dem Thema Studium und Kind wäre in dieser Situation natürlich schöner gewesen.“ Mittlerweile studiere sie im Master und sei vollkommen überzeugt davon, dass der Zeitpunkt richtig war. „Ich habe in der Uni meist sehr verständnisvolle Reaktionen auf meine doch besondere Situation bekommen. Gerade erst habe ich einen Abgabetermin nach hinten verschieben dürfen, weil meine Tochter genau in der Endphase meiner Hausarbeit krank wurde. Der Druck von außen ist meiner Meinung nach im Studium einfach noch weniger groß als später im Berufsleben.“ In Leipzig herrsche aber auch ein besonders schönes Klima für Kinder und bereits im Studium Eltern zu werden, sei hier keine Ausnahme. „Natürlich ist der Kontakt mit anderen studierenden Eltern wichtig in dieser Zeit. Man wächst aber viel schneller und selbstverständlicher in die neue Rolle hinein, als viele denken. Ich fände es schade, wenn jemand aus fehlendem Mut diese Option gar nicht in Betracht zieht, denn für mich war es genau die richtige Entscheidung.“

„Ich bin sehr froh, dass ich eine junge Mutter sein kann“

© Vanessa Schmitz
Auch Claire, die bereits früh in ihrem Studium Mutter wurde, hält das Studium für einen guten Zeitpunkt, um ein Kind zu bekommen. „Da ich später in der Wissenschaft tätig sein will, ist der Ausbildungsweg ein recht langer. Der Job später wird außerdem besonders viel Zeit fordern, deshalb wollte ich schon im Studium Mutter werden.“ Wer frisch aus dem Studium kommt, wolle meist erstmal arbeiten. „Will man dann Kinder, ist man oft schon über dreißig. Dabei sind Schwangerschaft und Geburt meist unkomplizierter für Kind und Mutter, wenn die Frau jünger ist.“ Außerdem sei das Kind schon aus dem Gröbsten heraus, wenn man ins Berufsleben startet. Während dem Studium habe man viel Zeit mit dem Kind verbringen können, in der Arbeitswelt sei man direkt zu Beginn flexibler als Eltern, die dann ein Neugeborenes versorgen müssen. Wie viel man sich im Semester vornehmen könne, müsse man zwar jedes Mal von Neuem entscheiden, machbar sei es aber immer. „In meinem Studium wird vor allem bei den Pflichtpraktika viel Rücksicht darauf genommen, dass ich Mutter bin. Ohne dieses Entgegenkommen wären diese wohl nicht zu schaffen. Natürlich ärgert man sich auch mal, wenn eine Vorlesung nicht in der Kernzeit stattfindet und man Probleme mit der Unterbringung des Kindes bekommt. Wie gut sich das Elternsein mit dem Studium vereinbaren lässt, hängt aber bestimmt auch stark davon ab, was man studiert.“ Dass sie so früh im Studium Mutter wurde, sei für Claire zwar überraschend gewesen, bereut habe sie es jedoch nie. „Wenn es mal Schwierigkeiten gab, waren das immer solche, die es nach dem Studium genauso gegeben hätte. Ich bin sehr froh, dass ich trotz langer akademischer Ausbildung eine junge Mutter sein kann.“

Übrigens: Mit Kind im Ausland studieren? Ja, das ist möglich! Informationen und Möglichkeiten findet ihr z.B. unter www.mawista.com/blog/mit-kind-im-ausland-studieren unt unter www.mawista.com/stipendium