
Von wegen Gartenzwerge. Es gibt ganze Kleingartenanlagen in Berlin, in denen man kaum noch oder gar keine der Dinger mehr zu Gesicht bekommt. Die Kleingartenanlagen verändern sich. Immer mehr junge Familien oder Paare, Freundeskreise zieht es in die Kleingärten. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Im günstigsten Fall liegt der Kleingarten ganz in der Nähe der Wohnung, Gemüse und Obst kommen von April bis Oktober frisch und direkt aus der Erde oder vom Baum auf den Tisch, und man ist den ganzen Tag an der frischen Luft. Und die Kinder wachsen im Grünen auf und lernen von der Natur. „Es ist hier wie auf dem Dorf“, erzählt Nadine von der Kolonie Heideschlösschen in Nord-Charlottenburg, „die Kinder haben viel Auslauf und wir Eltern müssen uns keine Sorgen machen“. Und die jüngeren unter den Laubenpiepern bringen erstaunlicherweise typische Piepertätigkeiten mit, die in den letzten Jahren schon fast ausgestorben waren.
Zum ersten Mal einen Garten bewirtschaften
In den 50er-, 60er-Jahren hätten die Pieper noch massenhaft Obst eingeweckt und sich damit im Winter versorgt, erzählt eine der Pieperin. „Dann wurden die Nahrungsmittel billiger, das hat doch kaum noch einer gemacht. Die jungen Leute, das sind jetzt eher so Ökos, die fangen damit wieder an.“ Urban Gardening scheint es als Trend also schon einmal gegeben zu haben – vor ungefähr 60 Jahren.
Der Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V. vertritt mittlerweile rund 70.000 Kleingärtner in Berlin, Tendenz steigend. Die Wartelisten sind in manchen Anlagen so lang geworden, dass man schonmal drei Jahre lang auf seine Parzelle warten muß, in anderen geht es deutlich schneller. So oder so, das Warten lohnt sich. Nicht nur wegen der üppigen Ernte, sondern weil die Gemeinschaft in einer Anlage auch soziale Bindungen pflegt und stärkt.
Die Erfahrungen und Meinungen der älteren Gartenfreunde nehmen die Jüngeren gern in Anspruch, wenn sie sich gerade zum ersten Mal in der Situation befinden, ihren eigenen Garten zu bewirtschaften. Eine der vorbildlichen Gartenanlagen in Sachen Integration ist zum Beispiel die Alte Baumschule in Pankow – hier treffen sich nicht nur Jung und Alt, sondern auch Homo und Hetero, Single und Familie, Professor und Arbeitsloser, Türke und Russe, und Ost und West sowieso. Und man hilft sich gegenseitig.
Spießigkeit und penibles Nachmessen von Hecken und Sträuchern: alles nur Klischees


Üblicherweise läuft eine Gartensaison meist von Ende März oder Anfang April bis Ende Oktober, Anfang November. Jede Anlage steht der Öffentlichkeit als Erholungsort zur Verfügung. Sprecht ruhig beim nächsten Spaziergang einen Kleingärtner an und fragt nach einem Gartenzwerg. Die Antwort ist in jedem Fall eine Überraschung.
Autor: Matthias Kirsch