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Berlin Nights – Produktionsleiter und Tänzer Björn im Interview
„Wir sind alle so ein bisschen Berliner Hobbits“: Björn über „Berlin Nights“ am Stage Theater, ab dem 24.3.2017
17.03.2017
Christian Mentz
Am 24.3.2017 geht’s los: Die „Berlin Night“ feiert im Stage Theater am Potsdamer Platz das Berliner Clubleben. Ideengeber, Tänzer und Produktionsleiter Björn erzählt uns vorab von seinem Berlin bei Nacht.
Björn, was man bisher über eure Show weiß, wird es ein ziemlich verrücktes Ding und bunt zusammengemischt. Sag du doch nochmal, was es genau ist.
Moment, wir hatten da neulich endlich so ein geiles Wort für gefunden – ach ja: „Theater-Show-Varieté-Konzert“. Trotzdem crossen wir nicht so viel: Die Kunst, die einzelnen Künste bleiben, was sie sind. Mit den Menschen, die sie hier in Berlin unserer Meinung nach am stärksten vermitteln können. Tanz ist aber bei allen Künsten, die wir auf die Bühne bringen, der visuelle Verstärker. Wir fangen an mit einem Piano-Konzert, es wird untermalt mit Akrobatik und zeitgenössischem Tanz. Aber die Show beginnt eigentlich schon ab Einlass. Da haben wir dann die typische Clubtürsituation, du wirst kontrolliert, du fühlst dich wie in einem Club an der Spree, oder im Berghain, oder Tresor …
Als Beispiel kann man das KitKat nehmen, wo es die wichtigste Tür Berlins gibt: Es geht darum, die Leute im Club zu schützen. Das muss ja gar nicht immer unbedingt was Sexuelles sein, aber meinetwegen, jemand hat nen Wollfetisch, und tanzt da mit seiner Bommelmütze, oder andere feiern die 20er Jahre und bringen das auch echt rüber, oder wieder andere haben vielleicht eine körperliche Einschränkung. Aber damit alle frei feiern können, dass es dort einen Ort gibt, wo alle so akzeptiert werden wie sie sind, deswegen sitzt da seit 20 Jahren die gleiche Person, die Besitzerin Kirsten, und sagt dann eventuell auch mal zu Leuten, die reinwollen: „Du pass mal auf, du bist vielleicht noch nicht so weit“, und sorgt so dafür, dass es für niemanden unangenehm wird. Weder für die, die sich im Club ausleben, noch für die, die davon vielleicht geschockt wären oder dann zu Gaffern werden. Damit täte man beiden keinen Gefallen.
Die Show blickt zurück auf das Clubleben ab circa 2000. Was waren denn deine Lieblingsclubs früher?
Du musst dir vorstellen, die Menschen wollten zusammen feiern, und dafür brauchst du Fläche. Ein Veranstalter hatte damals nicht unbedingt das Geld wie heute, um ein paar Tausend Euro für ’ne Location auszugeben, und dann hatten wir diese ganzen alten, hohlen Fabrikgebäude mitten im Zentrum. Und darum hat auch die ganze Welt zu uns geschaut, weil mitten im Zentrum diese Flächen da waren. Und Wowi als Bürgermeister hatte auch nichts dagegen. Dann hatte man ne Location für vielleicht 2.000 Mark, aber 4.000 Gäste. Und das Geile war, dass die Veranstalter das Geld dann auch wieder in die Partys investiert haben, so konnte ich dann locker mal eben 5 Tänzer mehr auf die Bühne bringen oder wir konnten geile Bühnenstege in den Raum bauen. Alle hatten die Möglichkeit, kreativ zu sein, seien es wir Tänzer, oder die DJs, oder die Lichttechniker, alle. Da entstand einfach was besonderes.
Vermisst du das denn? Große Flächen für wenig Geld wirst du ja heute in der Stadt nicht mehr finden.
Dieses Gefühl, du weißt nicht, ob du reinkommst oder nicht, und sonst stellst du dich morgen nochmal an, vielleicht bist du dann irgendwann drin. Das macht ein Berliner nicht, also ich mach das vielleicht einmal, und wenn der Junge dann sagt, heute kommst du nicht rein, dann ists vorbei, dann gehe ich da nicht mehr hin. Und wenn du zwar reinkommst aber deine Freunde nicht, dann hast du doch auch keinen Bock mehr. Und dann kommt die kritische Phase, selbst für die großen Clubs: Was machen wir jetzt? Andererseits kann ich es auch verstehen, dass einige Clubs so auswählen, die Bedürfnisse und die Leute sind einfach sehr verschieden.
Irgendwie kamen wir drei gut an, und obwohl wir eigentlich keine Ahnung vom Tanzen hatten, wurden wir dann gebeten, bei den Players Delight regelmäßig aufzutreten. Die nächste Feier war dann im SEZ. Da waren es schon 2.000 Gäste. Alles nur per Telefon, über Gerüchte. Und das war zur Nachwendezeit auf der Ostseite der Stadt das absolut monumentalste, fetteste Ding, das überhaupt existiert hat. Parallel gab es eigentlich nur noch die Schwulenszene, die war auch extrem cool, Propaganda, Cockerpartys. Die haben lustigerweise in den gleichen Räumen gefeiert, hatten uns gesehen und meinten dann, „ihr drei Heten, ihr verrückten, kommt mal zu uns in die Szene.“ Und wir waren flexibel genug, das mal zu machen. Wobei man auch sagen muss, dass das wirklich noch andere Zeiten waren, was Toleranz und so angeht. Aber wir hatten damit schon damals kein Problem. Jedenfalls war das Tanzen so eine geile Sache, dass wir alle drei mit Judo aufgehört haben, obwohl wir alle mehrfache deutsche Meister waren. Aber beim Tanzen haben sie einfach mehr geschrien.
Du bist also verwurzelt in Berlin und seinem Nachtleben. Gilt das auch für die anderen, die zur Show beitragen?
Auf jeden Fall. Zu der Zeit haben wir dann ja auch Tomekk kennengerlernt, der auch einfach mal vorbeikam und auflegte. Wir sind alle so ein bisschen Berliner Hobbits. Oder nimm Timothy Thorson, den Pianisten. Der ist in 4. Generation Franz-Liszt-Schüler, einer von den noch ganz wenigen, dessen Lehrer direkt auf Liszt zurückgeht. Er spielt dann in der Show auch ein Liszt-Stück, und das auch noch auf einem ganz besonderen Flügel, denn auch die Klaviermanufaktur Steingraeber hatte direkt mit Liszt zu tun. Liszt spielte zuhause auf Steingraeber bis er starb. Timothy ist so in seiner Musik, das glaubst du nicht. Oder Nader Rahy, der Gitarrist von Nena, der wurde ja hier in Berlin entdeckt, also von Nena selbst, als er in einem kleinen Jazz-Club vor drei Leuten gespielt hat. Eine davon war Nena. Oder die Breakdancer AirDit und Pedram – auch extrem gute Typen.
Berlin Nights ist keine Produktion mit Millionenbudgets, wie unterscheidet ihr euch von solchen Produktionen, wie sie ja zB oft auch hier am Stage Theater gelaufen sind?
Und das werden wir hier natürlich auch umsetzen. Und wir machen es so, dass hier jeder genau seine Stärken ausspielt. Sei es bei den Technikern, oder bei den Tänzern. Wenn zum Beispiel die Samuels Crew für Streetdance, Break und Entertainment-Dance bekannt ist, dann machen wir auch nur das. Wenn African Dance und Krump angesagt ist, dann steht da die M.I.K Family auf der Bühne. Da weißt du genau, das sind diejenigen, die das prägen in Berlin, und wenn die das tanzen, dann fühlst du auch das richtige. Wir könnten das vielleicht nachtanzen, aber es wäre immer nachgetanzt.
Nein, wir haben auch Tagesszenen. Wir erzählen insgesamt ja drei Nächte, aber wo nachts gefeiert wird, muss tagsüber auch gearbeitet und umgebaut werden, und dann kommen die Fothamockas ins Spiel. Als Comedian-Dance sind die in Berlin auch High-Level. Haben sich auch schon zur WM getanzt, sind superlustig und kreativ, man lacht sich den Wolf. Vier Typen, die zusammen großgeworden sind, aber total unterschiedliche Charaktere. In der Storyline sind sie die Mitarbeiter des Hauses, die den Club umräumen müssen. Piano raus, Soundanlage rein, ich will nicht zuviel verraten, aber es wird absolut lustig.