Hass.Liebe.Sachsen Rezension: „Ich hasse Menschen“ von Julius Fischer

Hass. Das ist wohl das Wort, das Julius Fischer am häufigsten gebraucht. Er hasst Menschen, das Landleben, das Stadtleben, das Klima, Rentner:innen, Nazis und und und. Die Liste ließe sich wohl ewig fortführen.

© Natalie Stolle | Cover: Voland & Quist

Wie schon der Titel „Ich hasse Menschen. Eine Art Liebesgeschichte.“ verrät, geht es in dem Roman von Julius Fischer vor allem um den Hass auf Menschen. Es ist die Fortsetzung des ersten Teils „Ich hasse Menschen. Eine Abschweifung.“ Julius Fischer, zufällig auch der Name des Protagonisten, stolpert mehr durch sein Leben, als dass er wirklich vorankommt. Die Ehe scheitert, die Ex-Frau bandelt mit dem ehemaligen Band-Kollegen an, die eigene Karriere kommt so langsam ins Stocken. Als wenn das nicht reichen würde, stirbt auch noch der Uropa.

DER DAS LANDLEBEN HASSENDE URENKEL

Zunächst wirkt diese Nachricht lediglich wie ein weiteres tragisches Ereignis in der Verkettung unglücklicher Umstände, die Julius heimsuchen. Doch als das Testament des verstorbenen Uropas eröffnet wird, ändert sich die Lage schlagartig. Der das Land­leben hassende Urenkel wird plötzlich Inhaber einer vor sich hinsiechenden Dorfkneipe. Natürlich erwartet der Leser jetzt eine Aufreihung an gut argumentierten Gründen, warum dieser Vorschlag vollkommen absurd ist. Schließlich beginnt der Roman genauso und stellt klar: Julius kann dem Landleben nichts abgewinnen. Umso überraschender, dass er trotzdem einwilligt und den Entschluss fasst, das alte Wirtshaus neu zu eröffnen. Selbstverständlich erwartet man, dass Julius kläglich scheitern wird an seiner Aufgabe. Doch wider Erwarten beweist er Kreativität. Sein Versuch, sich mit den Dorfmenschen anzufreunden, sieht zunächst auch eher nach einem weiteren Fehlschlag aus. Sie wirken durch die humoristische Beschreibung geradezu wie ein anderes Volk, das mit bösen Blicken und Eisbonbons um sich wirft.

Doch neben all dem Humor gibt es auch Momente, die einen nachdenklich werden lassen. Das kleine Dorf liegt im tiefsten Ostsachsen und mit Julius als Leipziger prallen hier nicht nur Altersunterschiede aufeinander. Einerseits ist es amüsant, die „Argumente“ der Dorfbewohner zu lesen, warum sie gegen den Bau einer Autobahn sind und sich viel auf ihre Herkunft einbilden, andererseits ist es auch besorgniserregend, da genau so eine Schilderung gefühlt nicht nur auf reiner Fiktion basiert. Aber man darf das Buch auch nicht als Manifest gegen Sachsen werten, denn das ist es keineswegs. Es gibt viele Charaktere, die einem nach kurzer Zeit ans Herz wachsen. Zum Beispiel Neo, der sich mit seinem Kaninchen Morpheus regelmäßig in fiktive Parallelwelten flüchtet oder Heiko, der hochdeutsch sprechende Vietnamese, der den Rassismus der Dorfbewohner für sein Geschäft nutzt. Doch am Ende bleibt immer wieder die Frage nach dem Untertitel des Buches. Wo genau versteckt sich hinter all dem Menschenhass und dem Kleinkrieg gegen den Dorfkonkurrenten die Liebe? Findet Julius, der das Land, die Idylle und die verschrobenen Dorfbewohner verabscheut, die große Liebe, die alle Probleme wie von selbst richtet?

Möglicherweise geht es aber gar nicht um die Liebe zu einer Person, sondern viel eher um die zwiespältige Liebe zu einem Land, das zuerst fremd, doch dann vertraut und liebenswürdig erscheint. Genau wie Julius erkennt auch die Leserschaft im Laufe des Buches, dass nicht alles am Landleben verabscheuungswürdig ist, ebenso wenig wie an Sachsen. Und ja, vielleicht ist es genau deshalb wirklich eine Art Liebesgeschichte.

Fazit: Ein Buch voller Humor, das zum Nachdenken anregt.