From Connewitz to California Interview: Bill Kaulitz

Leipzig hat viele berühmte Söhne und Töchter. Einer davon, den man gar nicht unbedingt mit Leipzig in Verbindung bringt, ist Tokio Hotel Frontsänger Bill Kaulitz. Wir haben Bill im Steigenberger Grandhotel getroffen und waren mit ihm im Gespräch, um mehr über ihn als Person zu erfahren. Wir sprachen über seinen Bezug zu Leipzig und darüber, wie es war, als 15-Jähriger plötzlich derart berühmt zu sein. Auch haben wir über seine im Januar erschienene Autobiografie „Career Suicide“ geplaudert, über sein Verständnis von zu Hause und über das sprichwörtliche Aufm-Teppich-Bleiben.

© Christoph Koestlin

Bill, du und dein Bruder, ihr seid ja in Leipzig geboren, genauer gesagt in Connewitz. Welchen Bezug hast du denn noch zu Leipzig?

Ich habe ja gerade mein Buch geschrieben und das fängt quasi in Leipzig an, weil meine Mama immer sehr liebevoll von der Zeit erzählt, als sie hier war. Wir sind dann aber relativ schnell weggezogen und meine Ma hat uns hier quasi nur zur Welt gebracht. Ich finde aber, dass Leipzig eine schöne Stadt ist, und ich bin immer gerne hier. Irgendwie ist es natürlich ein besonderes Gefühl, wenn man weiß, man ist hier geboren.

Du kommst also nicht mit nostalgischen Erinnerungen nach Leipzig?

Nee. Also ich weiß, dass Leipzig total geile, schöne Wohnungen hat. Ich erinnere mich, dass wir als Kinder immer zu der Freundin von meiner Mutter gefahren sind, die eine ganz schicke Altbauwohnung hatte. Und wir als kleine Kinder, weil wir natürlich nicht so schick gewohnt haben, dachten immer: Wow! Wir wollen auch mal in Leipzig wohnen, wenn wir groß sind (lacht).

Hast du denn schon mal etwas in Leipzig unternommen, als du hier auf Tour warst?

Ich war gerade hier gegenüber im Pepper House. Da gabs dann Spargel und Bratkartoffeln – war super!

Heute wohnst du in Los Angeles. Damals aber habt ihr ja regelrecht fluchtartig Deutschland verlassen – gab es einen ausschlaggebenden Moment?

Wir waren nie draußen, haben eigentlich nur eingepfercht gewohnt und hatten uns ein kleines Gefängnis quasi gebaut. Es war natürlich ein schönes Gefängnis, weil es ein geiles Haus war. Aber wenn du da nicht mehr raus kannst, dann ist es irgendwann eben auch nicht mehr geil. Wir hatten schon lange keinen Bock mehr, muss man sagen. Und dann gab es den Einbruch in unser Haus … und eigentlich ging es auch schon vorher gar nicht mehr. Und dann dachten wir uns: Warum machen wir es uns eigentlich so schwer? Wir könnten doch eigentlich auch ganz woanders hin – und sind dann nach L.A. gezogen – bevor wir wieder innerhalb Deutschlands umziehen, wo uns dann auch wieder alle hinterherfahren und zwei Tage später in der Zeitung steht, wo wir sind.

Was bedeutet für dich zu Hause?

Ach, das ist echt schwierig, weil ich natürlich als kleiner Junge schon jeden Abend woanders zu Hause sein musste, weil jedes Hotelzimmer dann für 24 Stunden – oder teilweise noch weniger – mein Zuhause war und wir uns ganz schnell wohlfühlen und immer ganz schnell Schlaf und Ruhe finden mussten, da wo wir es gerade konnten: im Tourbus, im Flugzeug, im Hotelzimmer. Wir waren mehrere Jahre jede Nacht woanders und sind ständig umgezogen, weil wir immer Ruhe gesucht haben. Das heißt: Wir sind eigentlich immer wie die Gejagten durch die Welt gefahren. Ich kann mich deswegen relativ schnell wohlfühlen. Zu Hause ist mittlerweile L.A. und meine Familie. Also mein Bruder und Heidi und die Kinder und unsere Hunde. Es ist, glaube ich, egal, wo das ist.

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Ihr seid als 15-Jährige mit Tokio Hotel berühmt geworden und wart geliebt und gehasst zugleich. Das muss doch Wunden in ein Teenager-Herz reißen. Wie hat dich das nachhaltig beeinflusst?

Cybermobbing und Kommentare, das sind so Sachen, die lassen mich so was von kalt. Ich kenne natürlich ganz andere Situationen. Ich hatte Todesangst. Es gab Situationen, die ich auch im Buch beschreibe, wo mein Security mich mit 16 auf dem Boden langgeschliffen hat, weil draußen Demonstrationen waren und Hundertschaften von Leuten, die mich umbringen wollten. Ich hatte Polizeischutz mit 16. Und, na klar: Das hat auch was hinterlassen. Ich habe manchmal Panikattacken, drücke manchmal den Schalter im Auto tausendmal runter und gucke, dass es zu ist, wo dann Leute schon zu mir sagen: „Bill, das Auto ist zu!“. Oder ich trau mich nicht, alleine irgendwo lang zu laufen und hab manchmal Security dabei, wo wiederum Leute sagen: „Ja aber, das kannst du doch jetzt schnell ohne Security machen“.  Natürlich habe ich schon so Sachen in mir, wo ich denke, dass ich einfach Wunden von damals habe. Das geht nicht so spurlos an einem vorbei. Aber ich würde sagen, dass ich, bei dem, was ich erlebt habe, einigermaßen gesund davongekommen bin und kann, glaube ich, immer mal wieder auch über meinen Schatten springen und über mich dann lachen und sagen: So, okay jetzt, komm mal runter!

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Autobiografie mit 30 – hast du wirklich schon so viel gelebt, dass es sich mit 30 bereits lohnt, eine Biografie zu schreiben?

Ich überlasse die Beurteilung natürlich den Leuten, die es lesen, aber ich hatte bis jetzt noch von keinem das Feed­back bekommen, dass sie gesagt haben: „Oah, das hat sich aber nicht gelohnt, das jetzt schon aufzuschreiben.“ Im Gegenteil. Die meisten meinten: „Okay, krass, da hättest du ja auch fünf Bücher draus machen können.“ Und so gings mir ehrlich gesagt auch beim Schreiben. Bei uns passieren natürlich Dinge im Schnelldurchlauf und ich hatte wirklich das Gefühl, ich muss jetzt schon mal dreißig Jahre abladen und Platz machen für die nächsten 30. Und selbst da musste ich selber schon Sachen auf Wikipedia und Google nachgucken (lacht). Also mir entfallen selber schon Sachen.

Eine unserer Leserinnen will von dir wissen, mit was du gerne berühmt geworden wärst, wenn es nicht Musik gewesen wäre?

Schauspiel! Ja, ich würde sagen Schauspiel. Da bin ich auch ein bisschen traurig drum, dass ich noch nicht in einem geilen Film mitgespielt habe, weil ich das total gerne machen würde (lacht). Aber ich habe noch nicht DAS geile Angebot bekommen von irgendwem.

Wenn du keine derartige Karriere gemacht hättest, wo glaubst du, stündest du heute?

Eigentlich hatte ich Bewerbungen ans Musical geschickt und wollte Simba vom König der Löwen spielen. Ich hätte irgendwas gemacht mit Singen und Tanzen. Das wäre dann wahrscheinlich unerfolgreicher geworden und ich hätte mich irgendwo rumschlagen müssen und hätte von Monat zu Monat versucht, irgendwo Anstellungen am Theater und bei Musicals zu be­kommen … (überlegt) –

Oder was mit Mode natürlich! Wahrscheinlich wäre ich arbeitsloser Modedesigner, der in der Freizeit singt und tanzt (lacht). Also irgendwie so etwas – aber ich hätte auf jeden Fall nichts anderes gemacht in meinem Leben.

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Weil du gerade Mode ansprichst: Dein Label heißt MagdeburgLosAngeles. Ist das eine Hommage an Magdeburg oder eine Absage?

Irgendwie beides. Ich mache mich auf eine Art auch lustig, aber es ist auch eine große Inspiration für mich. Ich nehme diese ganzen Dorf-Outfits, zum Beispiel diese Zicken-T-Shirts oder Raver-Hosen, die bei uns damals eben so getragen wurden, und interpretiere die neu. Wenn ich in New York oder in Beverly Hills geboren wäre, in einem fetten Haus mit superreichen Eltern, und mit 16 einen Porsche geschenkt bekommen hätte, dann wäre ich ja heute jemand ganz anderes. Dieser ganze Antrieb und auch meine ganze Inspiration heute kommen eben auch daher, wo ich aufgewachsen bin und wie ich aufgewachsen bin.

So Journalisten wie ich stellen dir ja andauernd Fragen – was wird eigentlich zu häufig gefragt und was geht dir so richtig auf den Sack? Oder wo denkst du, warum wollen die das eigentlich wissen?

Natürlich geht es jetzt ganz viel um das Familienleben und wie es so ist mit einer Großfamilie und Heidi und Tom und so – das sind gerade häufige Fragen. Aber gehen die mir auf den Sack? Ne! Ich kann ja auch verstehen, dass man das fragt. Man bringt mich eigentlich selten aus der Fassung. Es gibt aber ein paar Sachen, die mir auf den Sack gehen. Bei uns zum Beispiel fragen Leute immer nach Kohle: Welches Auto wir fahren, wie viel Geld wir haben, wie groß ist unser Haus. Ich glaube, in Deutschland ist das aber auch so ein Big-Brother-Ding, weil man unshat aufwachsen sehen.

Ist das ein deutsches Ding?

Ich habe das Gefühl, ja. Ich habe das Gefühl, dass das die Deutschen immer wahnsinnig interessiert, mit diesem Kohle-Ding.

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 Wenn wir schon mal dabei sind: Gibt es etwas, dass dich an oder in Deutschland besonders stört?

Also, ich will das um Gottes willen nicht allen Deutschen unterstellen, aber ich hasse grundsätzlich die Eigenschaft Neid und Geiz – das finde ich ganz, ganz schlimm. Benjamin von Stuckrad-Barre hat mal gesagt, dass immer erwartet wird, auf dem Teppich zu bleiben. Aber warum soll man denn aufm Teppich bleiben? Bei Mariah Carey finden es doch auch alle geil, dass die nicht auf dem Teppich bleibt. Warum wollen denn alle von den deutschen Superstars, dass die am Lagerfeuer sitzen, wo dann alle sagen: „Ach, guck mal, der ist nett, weil der aussieht wie jemand von nebenan.“ Das war, glaube ich, auch das Problem bei mir, dass ich eben nicht so aussah wie jemand von nebenan. Das hat viele genervt. Für die Deutschen waren wir immer zu visuell. In anderen Ländern war das aber weniger dramatisch.

Wie sieht für dich der perfekte Tag aus?

Uff … (überlegt). Also, ausschlafen auf jeden Fall und dann (lacht): Champagner-Frühstück machen (lacht noch lauter). Morgens schon ‚nen kleinen Schwips haben und dann Daydrinking mit Freunden – irgendwo auf dem Wasser oder am Wasser. Einfach den ganzen Tag in der Sonne hängen, Rosé trinken, geiles Essen – italienisches Essen am besten – Familie und Hunde, die rumrennen, coole Gespräche und abends einen richtig schönen Film gucken und völlig betrunken auf der Couch einschlafen.

Zum Abschluss noch eine Frage: Gibt es jemanden, den du gerne treffen würdest, bei dem du so richtig aufgeregt wärst?

Ja. Oh. Viele: Shia LaBeouf oder Britney Spears – die habe ich sogar schon ein paar Mal getroffen. Aber mit der würde ich gerne mal einen Tag rumhängen in ihrem Haus – oder in meinem Haus, das geht auch (lacht).

Ende Mai erschien die neue Tokio-Hotel-Single Behind Blue Eyes, eine Coverversion des The-Who-Klassikers, der auch schon von Limp Bizkit gecovert wurde. Am 10. Mai 2022 ist Tokio Hotel mit einem Konzert im Haus Auensee.

© Christoph Koestlin