„Wir sind eine der besten Mannschaften der 2. Liga“ RB Leipzig: Marcel Halstenberg über Identifikation und Aufstiegsdruck

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Marcel Halstenberg kam am letzten Tag der Transferperiode vom FC St. Pauli zu RB Leipzig. Der Linksverteidiger hatte Angebote aus der 1. Bundesliga, doch er entschied sich für den Zweitligisten. Im Interview verrät uns der 24-Jährige, wer und was ihn überzeugt hat, wie seine Pauli-Kollegen auf den Wechsel zum Ligakonkurrenten reagiert haben und wie hoch der Druck ist, aufzusteigen.

Dein Wechsel von St. Pauli zu RB Leipzig ging relativ schnell vonstatten. Es war der letzte Tag der Transferperiode.
Es wurde sich eine Woche zuvor schon mal bei mir erkundigt. Vorm Spiel (RB Leipzig gegen St. Pauli am 23.8.2015, Anmerk.d.Red.) wollten sich die beiden Vereine erst einmal nicht näher darum kümmern. Erst nach dem Spiel begannen die Verhandlungen. Das war schon sehr kurzfristig, weil am 31.8.2015 das Transferfenster schloss, aber man hat sich relativ schnell geeinigt. 

Wie kam es zum Wechsel von Pauli zu RB Leipzig? Was hat dich überzeugt?
Mich hat hier auf jeden Fall die sportliche Perspektive überzeugt. Wenn man sieht, was hier aufgebaut wurde und auch noch wird, ist das unglaublich. Die Bedingungen hier sind super. Und ein Gespräch mit Ralf Rangnick hat mich dann schnell überzeugt.

Was hat denn Ralf Rangnick gesagt, dass du dich letztendlich für Leipzig entschieden hast?

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Wir hatten ein gutes Gespräch. Ich war hier in Leipzig, Ralf Rangnick wollte persönlich mit mir sprechen und mir hier alles zeigen.
Was mir vor allem im Kopf hängen geblieben ist, war, dass er mir nicht versprechen kann, dass wir dieses, nächstes oder übernächstes Jahr aufsteigen werden, aber er versicherte mir, dass er mich jeden Tag an meine Grenzen bringt und mich weiterentwickelt. Das war für mich ausschlaggebend. 

Wie ist das Training unter Ralf Rangnick?
(lacht) Also die ersten beiden Wochen waren sehr hart für mich, weil ich zuvor auch 2 1/2 Wochen bei St. Pauli ausgefallen war. In Sachen Trainingsintensität musste ich mich auf jeden Fall umgewöhnen. Da sind meine Beine nach dem ersten Training erst mal dick angeschwollen und ich habe einen schönen Muskelkater in die erste Woche mit reingenommen (lacht). 

Du hattest auch Angebote von Erstligisten, hast dich aber für den Zweitligisten entschieden. Warum? Das haben einige nicht verstanden. 
Die Vereine aus der ersten Liga haben sich nicht mit St. Pauli einigen können. Aber ich sehe täglich, was sich hier in Leipzig entwickelt und warum ich absolut überzeugt davon war, innerhalb der 2. Liga hierher zu wechseln. Ich sehe, dass man hier in naher Zukunft in der 1. Bundesliga spielen wird. 

Wie haben deine Kollegen und dein Umfeld bezüglich des Wechsels reagiert?
Alle meine Mitspieler haben mir zu dem Schritt gratuliert. Es gab nur positive Worte, niemand hat sich negativ ausgelassen. Meine Familie stand natürlich auch dahinter und freut sich, dass ich nun hier bin.
Dass es kurzweilig negative Kommentare im Internet gab, habe ich auch mitbekommen. Aber auch da gab es sehr viele Leute, die sich wohlwollend zum Wechsel geäußert haben. Das lasse ich aber auch nicht an mich ran. Da stärkt mich mein Umfeld und gibt mir ein gutes Gefühl.

Stichwort Identifikation mit einem Verein: Wie wichtig ist das heute noch für einen Spieler? Bei spox hat FC Kaiserslautern-Vorstandschef Stefan Kuntz im Interview Willi Orban als Kind des Vereins kritisiert, weil er zu einem unliebsamen Ligakonkurrenten gegangen ist – ist das verklärte Fußballromantik im heutigen Business?
Schwer zu sagen. Manche Spieler können sich nur vorstellen, für den einen Club zu spielen. Siehe Barcelona: Da gibt es zahlreiche Spieler, die nur bei dem Verein bleiben, obwohl sie sehr viele Angebote haben. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. 

Du hast, als du hierher kamst, sofort gespielt, was eher unüblich ist, weil das System und die Philosophie sehr aufwendig sind. Was denkst du, woran das liegt?

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Ich war zwei Jahre in der zweiten Mannschaft bei Borussia Dortmund und habe bei den Profis mitttrainiert. Ich denke, da habe ich sehr viel gelernt, was Offensiv- und Gegenpressing angeht. Ich glaube aber auch, dass ich nicht lange für die Eingewöhnung brauchte. Ich habe zwei Wochen mitttrainiert und mir eingeprägt, was der Trainer verlangt. Momentan sieht es ja ganz gut aus auf dem Platz, denke ich (lacht), sonst würde ich ja auch nicht spielen. Von daher muss der Trainer ja schon ein bisschen zufrieden mit meiner Leistung sein. 

RB Leipzig gilt als DER Aufstiegskandidat. Wie gehst du mit dem Druck um? 
Ich mache mir eher weniger Druck, wenn es ums Aufstiegsrennen geht, aber ich persönlich will in jedem Spiel Vollgas geben und gewinnen. Wir wollen alle aufsteigen. Von daher ist es eher ein positiver Druck aus uns selbst heraus, aber nicht von außen.

Wie gehst du damit um? Lernt man das im Laufe der Zeit?
(lacht) Das lernt man auf jeden Fall. Für die jungen Spieler wird es eventuell ein bisschen schwerer sein. Mit meinen 24 Jahren bin ich etwas älter als manch anderer in der Mannschaft. 

Hast du eine Bezugsperson im Team, jemanden, mit dem du dich besonders gut verstehest?
Ja, Terrence Boyd. Ich habe mit ihm zusammen ein Jahr bei Borussia Dortmund gespielt. Wir hatten auch vor meinen Wechsel ab und zu Kontakt. Als das Angebot von Leipzig kam, habe ich ihn gefragt, wie er das Ganze sieht. Er hat sich nur positiv geäußert. Das war natürlich auch ein weiteres Argument für den Wechsel hierher: das Wohlgefühl und das Wissen darüber, dass er auch hier spielt. 

Wirklich schade, dass Terrence weiterhin ausfällt und wieder einen Rückschlag hatte.
Ja, das ist wirklich ärgerlich. Es ist gerade eine schwere Zeit für ihn – keine Frage. Aber wir im Team versuchen alles, um ihm das auch ein bisschen leichter zu machen. Klar ist es für ihn schwer, weil er schon so lange draußen ist. Aber ich bin sicher, dass er als Charakter stark genug ist, um wiederzukommen.

Was könnt ihr anders machen, um die Chancen, die ihr euch herausspielt, auch zu nutzen?
Ich denke, wir müssen vorm Tor noch abgeklärter werden – dann klappt es auch mit mehr Toren (lacht). Spielerisch sind wir sicher eine der besten Mannschaften in der 2. Liga.

Was sind im Moment noch die Schwächen?
Das beste Beispiel war das Heimspiel gegen Nürnberg, als wir 3:0 geführt und bei zwei blöden Standardsituationen zwei Gegentore kassiert haben. Da müssen wir dann den Sack zumachen und das 4., 5. Tor machen – dann haben wir auch keine Probleme mehr und das Spiel ist gelaufen.